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Masseneinflug von Balkan-Distelfaltern an der Nordsee
Distelfalter brauchen viel Nektar als Treibstoff für ihre langen Flüge. Heimische Blumen liefern meist mehr Nektar als gefüllte Zierpflanzen aus dem Baumarkt. (Foto: Rainer Borcherding, Schutzstation Wattenmeer)

Bis zu 15.000 Kilometer pro Jahr unterwegs

Masseneinflug von Balkan-Distelfaltern an der Nordsee

Seit dem 6. Juni 2019 sind im Küstenraum zahlreiche orange-schwarz-weiße Schmetterlinge zu beobachten, die bei Sonnenschein auf allen Arten von Blüten Nektar saugen. Es sind Distelfalter, die soeben aus Südeuropa bei uns eingetroffen sind und sich nun teilweise vor dem Weiterflug an der Nordseeküste „stauen“.

Der Distelfalter ist ein lebenslanger Wanderer, der keinen Frost verträgt und nur südlich des Mittelmeeres den Winter übersteht. Trotzdem sind die Falter im Sommer schon in Nordnorwegen und auf Island beobachtet worden. Die jährliche Gesamtstrecke der Wanderung beträgt bis zu 15.000 Kilometer, wird allerdings in mehreren Etappen zurückgelegt.

Die Falter überqueren Meere und Gebirge

Ende März 2019 wurde in Israel ein Massendurchzug von Distelfaltern aus Saudi-Arabien beobachtet, nachdem dort im Winter starker Regen für ein Ergrünen vieler Wüstengebiete und eine gute Vermehrung der Schmetterlinge gesorgt hatte. Die arabischen Falter haben im April im Mittelmeerraum Eier gelegt und eine neue Generation erzeugt. Diese in Griechenland oder auf dem Balkan Ende Mai geschlüpften Falter flattern derzeit durch Norddeutschland. Man sieht ihnen an, dass ihre Flügel von dem über 2.000 Kilometer langen Flug schon recht abgenutzt sind. Trotzdem ziehen sie mit dem beginnenden Sommer weiter nordwärts. Dabei suchen sie in bis zu einem Kilometer Höhe nach günstigen Windströmungen, die sie vorwärts tragen. Die Falter überqueren Meere und Gebirge, wobei Schlechtwetterfronten und Gegenwind viele Opfer fordern. Bodennah ziehende Falter sind vor allem durch den Autoverkehr gefährdet. Am 16. Mai 2009 zählte ein bayerischer Insektenkundler die totgefahrenen Falter entlang eines Autobahnabschnitts und kam auf 50.000 getötete Distelfalter pro Autobahnkilometer allein an diesem Tag. Nur wenn Milliarden von Faltern von Süden zuwandern, überleben genug Tiere, damit die Zugwelle auch Skandinavien erreicht. Starke Einflüge von Distelfaltern gab es zuletzt 2003 und 2009.

Unterwegs legen die Falter ihre Eier an Disteln und Brennnesseln, wo aus den Raupen die nächste Faltergeneration heranwächst. Hier in Deutschland dürften die Nachkommen der soeben eingetroffenen Distelfalter ab Mitte Juli schlüpfen. Dann werden sie auf dem Schmetterlingsflieder und anderen Nektarpflanzen zahlreich zu beobachten sein, sofern das Wetter nicht allzu nass wird. Im Spätsommer kehrt sich die Zugrichtung der neu schlüpfenden Distelfalter um: Sie wandern südwärts, können im Herbst nochmals im Mittelmeerraum eine Generation erzeugen, und im November treffen die Ur-Urenkel der im März aus Nordafrika gestarteten Falter wieder dort ein.

Der Distelfalter ist ein ewiger Reisender, dessen Population alljährlich aus den Subtropen bis an den Rand der Arktis und wieder zurückwandert – immer in dem Klimabereich, wo Blumen blühen und es keine Nachtfröste gibt. Wer insektenfreundliche Blumen im Garten hat und Bio-Lebensmittel isst, trägt zum Überleben auch dieses ganz besonderen Falters bei.

www.schutzstation-wattenmeer.de

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