Kreuzfahrtschiffe von der Meyer Werft
Rückwärts zur Nordsee
Stapellauf und Werft-Überführungen von riesigen Kreuzfahrt-Neubauten der Meyer Werft locken Hunderte Schaulustige an. Die Fahrt von der Ems bis zur Nordsee ist ein Wettlauf mit der Zeit: Wind und Gezeiten bestimmen den Fahrplan. Text + Fotos: Helmut Heigert
Hell erleuchtet liegt der Ozeanriese im Werfthafen. Hunderte von Schaulustigen warten auf beiden Seiten der Dockschleuse in Papenburg. Langsam straffen sich die Trossen zwischen Schlepper und Kreuzfahrtschiff. „I am sailing" von Rod Stewart tönt aus den Bordlautsprechern, als sich der Schleppverband im Schritttempo in Bewegung setzt. Greifbar nah scheinen die Bordwände, wenn der Koloss die Schleuse passiert.
317 Meter lang und mehr als 36 Meter breit ist die „Celebrity Equinox", die durch die schmale Schleuse in Richtung Ems fährt. Knapp 2.000 Passagiere und etwa 1.250 Mann Besatzung finden auf den 13 Decks des Kreuzfahrtschiffes der Reederei Celebrity Cruises Platz. Die „Celebrity Equinox" zählt zu den größten bisher in Deutschland gebauten Kreuzfahrtschiffen.
„Jos. L. Meyer" steht auf einer der riesigen Werfthallen die Meyer Werft ist der letzte von einst 20 Schiffbaubetrieben, die es Anfang des 20. Jahrhunderts noch in Papenburg gab. Der 1795 als Holzschiffswerft gegründete Familienbetrieb hatte sich bereits 1872 unter Joseph L. Meyer auf den Bau von Schiffen mit Stahlrümpfen spezialisiert. 1985 lief mit der „Homeric" das erste Kreuzfahrtschiff in Papenburg vom Stapel. Außerdem werden in dem mittelständischen Betrieb mit etwa 2.600 Beschäftigten Gastanker gebaut. Von zwei Galerien aus können die jährlich 300.000 Besucher den Bau der Luxusliner in den riesigen Hallen beobachten. Während andere Schiffbaubetriebe in Deutschland um ihre Existenz kämpfen, sind die Auftragsbücher der Papenburger Werft nach Angaben von Bernard Meyer noch bis 2012 gefüllt.
Gezeiten bestimmen den Fahrplan
Rückwärts fährt die „Celebrity Equinox" auf der Ems in Richtung Nordsee. Mit einem Joystick kann Kapitän Thomas Teitge den Koloss bis auf vier Zentimeter genau auf dem schmalen Fluss manövrieren. Denn der kleinste Fehler kann für den 500 Millionen Euro teuren Neubau fatale Konsequenzen haben. Hunderte von Schaulustige beobachten von den Deichen aus die Überführungsfahrt, andere radeln hinter den Deichen neben dem Kreuzfahrtriesen her. Etliche Wohnmobile parken entlang der Strecke. An besonderen Aussichtspunkten haben auch die Betreiber von Fischbuden, Bäckereien und Toiletten ihre Wagen postiert. Etwa drei Stunden nach dem Verlassen der Werft passiert das Schiff das erste Nadelöhr, die Friesenbrücke bei Weener.
Mit der Jann-Berghaus-Brücke in Leer und dem Emssperrwerk in Gandersum müssen noch zwei weitere Engpässe vor der Ankunft im holländischen Eemshaven passiert werden. Die Überfahrt des Giganten ist ein Wettlauf mit der Zeit. Nicht die ausgefeilte Technik, sondern vielmehr Wind und Gezeiten bestimmen den Fahrplan. Denn für die Überführung eines Ozeanriesen mit einem Tiefgang von mehr als acht Metern muss das Emssperrwerk geschlossen werden. Knapp einen halben Meter über dem durchschnittlichen mittleren Hochwasser (MTHW) von 2,20 Meter muss die Ems aufgestaut werden, damit ein Schiff wie die „Celebrity Equinox" den kleinen Fluss überhaupt passieren kann.
„Stoppt die Zerstörung der Ems" steht auf Plakaten der Bürgerinitiative „Rettet die Ems", die mit drei Booten gegen die Überführung des Riesen demonstriert. Den Umweltschützern ist vor allem der Stau der Ems in den Sommermonaten ein Dorn im Auge: Ihrer Ansicht nach sind durch den Sommerstau viele Brutstätten seltener Vögel bedroht. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung haben Umweltschutzverbände und Werftleitung sich auf einen Kompromiss geeinigt: Danach darf die Ems vom 1. April bis zum 15. Juli nur bis 1,90 Meter über Normalnull aufgestaut werden. In der übrigen Zeit ist eine Stauhöhe bis zu 2,70 Meter erlaubt. Für die Meyer Werft bedeutet die Vereinbarung einerseits, dass in den Sommermonaten nur kleinere Kreuzfahrtschiffe wie die Aida-Klasse über die Ems überführt werden können. Auf der anderen Seite bedeutet der Vertrag für die Werft Planungssicherheit für die nächsten 30 Jahre. Bei ungünstiger Witterung schaffen die Ozeanriesen die Überführung nicht in einem Rutsch, sondern müssen unterwegs auf ein zweites Hochwasser warten. Das bedeutet, dass die Ems bis zu 25 Stunden lang aufgestaut werden muss.
Die „Celebrity Equinox" fährt jedoch vollkommen nach Fahrplan. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei Oldersum hat sich das Heck des Luxusliners der 60 Meter breiten Hauptschifffahrtsöffnung des Emssperrwerks bei Gandersum genähert. Nach knapp 20 Minuten ist das letzte Nadelöhr auf dem Weg zur Nordsee passiert. Die „Celebrity Equinox" hat die Überführung in bisheriger Rekordzeit in nur einer Tide geschafft.
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