Das Monster schlägt wieder zu

Der Untergang der „Fides”

Die „Fides” kurz nach dem Festkommen, fotografiert von einem Rettungskreuzer der DGzRS. Foto unten: Kein Entrinnen mehr. Das Schicksal der beiden Frachter ist besiegelt (Foto: Tim Schwabedissen)

Die „Ondo“ lag gerade mal 46 Tage in ihrem sandigen Grab, als sie von einem zweiten Schiff nur unweit ihrer Strandungsstelle Gesellschaft bekam – der „Fides“.

Schwere Sturmböen fegten mit Stärke sieben bis acht über die Außenelbe. Am Samstag, den 20. Januar 1962, 6 Uhr früh, näherte sich der italienische Frachter „Fides” dem Feuerschiff „Elbe 2”. Aus Corpus Christi (Texas/USA) kommend sollte er eine Ladung Bauxit durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Gdynia (Polen) bringen. 1944 war er bei der „California Shipbuilding Corporation” in Los Angeles vom Stapel und hatte als Liberty-Schiff den schlechten Ruf eines eilig zusammengeschweißten „Rostdampfers”. Seit 1949 war er im Besitz der neapolitanischen Reederei und hieß „Fides”.


Kapitän Donato Speranza forderte für die Passage der Außenelbe einen Lotsen an. Dazu brachte er sein Schiff mit langsamer Fahrt in eine für das Lotsenboot günstige Lage, um ein Längseitsgehen an der Lee-Seite zu ermöglichen. Doch dieses hatte in der wütenden See Schwierigkeiten, dem Frachter zu folgen. Seelotse Tews bemerkte, wie die starken Winde und der einsetzende Ebbstrom die 148 Meter lange und 7182 BRT große „Fides” nordwärts an die Brandungskante des Vogelsandes trieb. Vom Lotsenversetzboot aus brüllte Tews vergebens das Kommando „Voll zurück”! Äußerste Kraft zurück!” zur Brücke hinauf. Um 6.35 Uhr stieß der Bug der „Fides” östlich von Tonne IV auf Grund.


Wie schon der Kapitän der „Ondo” einen Monat zuvor ließ nun auch Kapitän Speranza seine Maschinen volle Kraft zurück laufen, ohne damit jedoch etwas zu bewirken. Sofort brachen sich hohe Wellen am Heck. Das Morgenlicht gab Kapitän Speranza die verregnete Sicht auf die etwa einen Kilometer entfernt liegende „Ondo” frei – als riesiges warnendes Mahnmal. Trotzdem lehnte er den Einsatz der helfend herbeieilenden Schlepper aus den umliegenden Küstenhäfen ab, da er optimistisch war, sich mit dem Mittagshochwasser aus eigener Kraft befreien zu können. Gegen 10 Uhr begann bei auflaufendem Wasser der erste eigene Versuch. Die Maschinen liefen im ständigen Wechsel volle Kraft vor und zurück, und nach etwa einer Viertelstunde gelang es in der Tat, den Bug des Havaristen freizubekommen. Rund zehn Minuten später drehte der Frachter auf die Fahrrinne zu, und die bisher abwartenden Schlepper wollten gerade ihre Heimreise antreten, als eine starke Strömung das Schiff ein weiteres mal auf den Sand schob. Diesmal hatte aber der gesamte Unterboden Grundberührung.


Zum zweiten Mal festgekommen





Kapitän Speranza versuchte mit derselben Taktik wie zuvor sein Glück. Dabei nahm er die Gefahr einer Unterspülung im Heckbereich trotz Warnung in Kauf. Aufgrund der 9611 Tonnen schweren Ladung bestand beim Auftreten einer solchen Auskolkung die Gefahr einer Überlastung des Rumpfes, der im schlimmsten Fall brechen könnte. Speranza ignorierte dies ebenso die Angebote von Schlepperhilfe. Erst als sich zweieinhalb Stunden später selbst bei Hochwasser kein Erfolg einstellen wollte, forderte der resignierte Kapitän nach langem, unverständlichen Zögern um 13.10 Uhr die Schlepperhilfe an.


Zwei Trossen wurden am Heck der „Fides” befestigt, und die vier Schlepper tauten mit der vereinten Kraft von 8000 PS an. Um 14.15 Uhr bemerkte man auf der „Fides“ neben einem kleinen Riss im Deck ungewöhnliche Geräusche, die auf ein Aneinanderreiben der Eisenplatten des Rumpfes hindeuteten. Um 15.30 Uhr mussten die Schlepper bei fallendem Wasser vorerst aufgeben, doch Kapitän Speranza ließ zu dieser Zeit seine Maschinen immer noch vor und zurück laufen. Der Schiffsrumpf konnte dieser dauerhaften Belastung allerdings nicht mehr standhalten und bog sich in der Höhe der Aufbauten deutlich in durch. Gegen 16.20 Uhr flogen plötzlich, begleitet von donnerndem Geräusch, Metall- und Holzteile durch die Luft. Nieten und Splitter regneten hinab. Unter der Frachterbesatzung brach Panik aus. Unmittelbar vor der Brücke bildete sich ein 30 Zentimeter langer, handbreiter Riss. Das Vorschiff sackte ab. Der Rumpf war durchgebrochen und hing nur noch am Schiffsboden zusammen. Die vorderen Laderäume liefen nun rasch voll Wasser. Die Crew eilte an Deck. Einer von ihnen erlitt einen Nervenzusammenbruch und verlor in der Aufregung das Bewusstsein, ein anderer brach sich die Hand. Hektisch wurden die wichtigsten Habseligkeiten zusammengestopft.


Innerhalb von 40 Minuten gelang es, die 31 Italiener über die Jakobsleiter auf den Rettungskreuzer zu bringen. Was bei der „Ondo” mehrere Tage dauerte, geschah hier in nur wenigen Stunden. Ein Großteil der wertvollen Aluminiumerzladung wurde aufgegeben. In der Folgezeit bargen Cuxhavener Fischer noch einiges Brauchbares von der „Fides”. Diebe klauten einige vergessene Devisen und Wertpapiere.


Alles über die dramatische Strandung der „Ondo” lesen Sie hier: Die Strandung der „Ondo“


Zum Weiterlesen, leider nur noch antiquarisch erhältlich: Tim Schwabedissen, Gestrandet - Schiffsunglücke vor der Nordseeküste, Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3782208932, 19,90 Euro


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