6. Dezember 1961

Die Strandung der „Ondo”

Ein letzter Bergungsversuch, die Kakaoladung wird bei ruhigem Wetter auf kleine Frachtschiffe übergeben. Foto unten: Ein Teil der Ladung wurde über Bord geworfen. Fette Beute für die Küstenfischer. (Fotos: Tim Schwabedissen)

Sie war mit Kakaobohnen von Afrika nach Hamburg unterwegs, als das Lotsenversetzboot direkt neben der „Ondo” kenterte. Bei der Suche nach den verunglückten Seeleuten stieß die „Ondo” das erste Mal auf den Sand. Er hat sie nie wieder losgelassen.

Fast ein halbes Jahrhundert nach der „Titanic” lief die „Ondo” am 7. Juni 1956 in der Werft Harland & Wolff in Belfast vom Stapel. Sie war mit 5.435 BRT vermessen, hatte eine Tragkraft von 8.000 Tonnen und gehörte der „Elder Dempster Line” aus Liverpool. Der Frachter transportierte landwirtschaftliche Produkte von Afrika nach Europa. Am sehr frühen Mittwochmorgen des 6. Dezember 1961 lief die „Ondo” mit 46 Seeleuten an Bord in die Elbmündung vor Cuxhaven ein, an Bord 5.000 Tonnen Kakaobohnen. Ziel war der Hamburger Hafen. Ein heftiges Unwetter tobte, Regen, Hagel und Windböen aus WSW bis Stärke zehn! Kapitän Farquhar kannte die Tücken der Außenelbe. Deshalb forderte er beim Feuerschiff „Elbe 1” einen Lotsen an, der bereits um 4 Uhr morgens feststellte, das die „Ondo” zu weit nördlich fuhr und dem Großen Vogelsand bedrohlich nah kam. Hohe Brecher und heftige Böen trieben die „Ondo” über die stürmische See in Richtung Sandbank.


Das Lotsenversetzschiff fuhr der „Ondo” entgegen, was durch starke Grundseen entlang der Brandungskante des Sandes erschwert wurde. Als die beiden Schiffe nur noch 300 Meter auseinander lagen, ließ der Lotse ein Boot zu Wasser, das gegen fünf Uhr die Leeseite der „Ondo” erreichte. Der Steuermann des Lotsenbootes konnte die Jakobsleiter ergreifen, doch dann kam von achtern eine gewaltige Welle und ließ das Boot kentern. Alle drei Männer wurden ins fünf Grad kalte Wasser gespült; das Boot trieb ab. Sofort stoppte der „Ondo”-Kapitän die Maschine, aus Angst, die Seeleute könnten in die Schraube geraten. Leinen und Rettungsringe flogen über die Reling. Lichtkegel von Taschenlampen tanzten über die immer noch in Dunkelheit gehüllte See, doch die drei Schiffbrüchigen waren bereits abgetrieben.


Ein Seenotkreuzer wurde aus Cuxhaven angefordert. Wegen der gestoppten Maschinen wurde die „Ondo“ jedoch sofort manövrierunfähig und setzte gleich darauf unter heftigen Erschütterungen auf die Sandbank auf. Gegen die hohen Wellen, den heftigen Sturm und die Kräfte des Mahlsandes waren die rückwärtslaufenden Motoren der „Ondo” machtlos. Dem Notruf folgend machten sich mehrere Schiffe auf zur Unfallstelle, und die Suche nach den vermissten Seeleuten begann – leider in die falsche Richtung!


10.000 PS – Keine Chance





Am Vormittag kamen der „Ondo”, die inzwischen weitere 600 Meter auf den Sand getrieben war, zwei Hochseeschlepper zur Hilfe. Ein Funkspruch meldete den Fund des vermissten Lotsenbootes in etwa 13 Kilometer Entfernung von der Unglückstelle entfernt. Von den drei vermissten Seeleute gab es keine Spur. Der nächste Tag versprach eine Wetterbesserung, die den inzwischen fünf Schleppern bei Hochwasser die ersten Bergungsversuche der „Ondo” ermöglichen sollte. Leider lagen da bereits 1.500 Meter zwischen dem Havaristen und dem sicheren Fahrwasser – und die „Ondo” war schon 30 Zentimeter tief im Mahlsand (besonders feiner Sand) gefangen.


Vom Heck aus spannten sich die drei Zentimeter dicken, 1.650 Meter langen und insgesamt fünf Tonnen schweren Stahlseile zu den Schleppern, die zusammen eine Zugkraft von 10.000 PS hatten. Zwei Stunden später waren die fünf Schlepper noch immer keinen Meter vorangekommen. Die vorausgegangenen Eigenversuche der „Ondo” hatte nicht nur den Ausfall der eigenen Maschine zur Folge, sondern sie hatte sich förmlich ihr eigenes Grab geschaufelt. Als die Ebbe kam, wurden die Schleppversuche unterbrochen.


In der Nacht zum Freitag war Neumond. Die Springtide ließ das Hochwasser einige Zentimeter höher steigen als normal. Diese Gelegenheit ließ man natürlich nicht aus, und so zerrten wieder die starken Maschinen am Heck der „Ondo” – weiter ohne Erfolg. Als bis Mittag immer noch keine Fortschritte verzeichnet wurden, blieb nur das Leichtern. Man beschloss, etwa 1.000 Tonnen der insgesamt 80.000 Säcke des wertvollen Qualitätskakaos ins Meer zu werfen, um damit eine Verringerung des Tiefgangs um etwa 70 Zentimeter zu bewirken. Dies lockte viele Fischkutter aus Cuxhaven und Husum an, die anstatt Fisch Kakao an Bord zogen.


Als die Schlepper erneut ihr Glück versuchten, bemerkte man, dass sich einige Nieten und Stahlplatten der „Ondo“ gelöst hatten. Am Boden des Rumpfes war ein Leck entstanden. Es strömte so viel Wasser ein, dass die Pumpen nicht dagegen ankamen. Kurze Zeit später saß der Rumpf achtern bereits fünf Meter tief im Sand. Um 14.30 Uhr beschloss man den Abbruch des Einsatzes und damit die Aufgabe der „Ondo”.


Um 16 Uhr ging ein Großteil der Besatzung von Bord und wurde nach Cuxhaven gebracht. Am Morgen des 10. Dezember gingen Leichter und Bergungsschiffe längsseits. Alles Wertvolle wurde von Bord geholt. 3.800 der 5.000 Tonnen Kakaoladung konnten gelöscht werden, bls Windstärke acht zur endgültigen Aufgabe des Schiffes zwang. Kapitän Farquhar verließ als letzter sein Schiff. Herrenlos blieb der Havarist zurück; das Heck abgesunken mit leichter Schlagseite.


Wie die "Fides" auf dem Mahlsand zugrunde ging, lesen Sie hier: Der Untergang der "Fides"


 Zum Weiterlesen, leider nur noch antiquarisch erhältlich: Tim Schwabedissen, Gestrandet - Schiffsunglücke vor der Nordseeküste, Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3782208932, 19,90 Euro


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