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Sprechende Steine
Für Amrumbesucher aller Altersgruppen sind die Grabsteine eine spannende Reise in die Vergangenheit. (Foto: KV/Simon)

Amrum Porträt

Sprechende Steine

Auf dem romantischen Friedhof von Nebel auf Amrum ist eine liebevoll und kenntnisreich restaurierte Anzahl „erzählender“ Grabsteine zu bestaunen, die die Geschichte der nordfriesischen Insel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert auf faszinierende Weise schildern. LAND & MEER hat diesem geschichtsträchtigen Ort einen Besuch abgestattet. VON RENATE PREUSS

Sind die Menschen heute mit „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht" zu beeindrucken, waren einst für erfolgreiche Walfänger und Handelskapitäne auf den Nordseeinseln „Mein Haus, mein Gewand, mein Grabstein" die erstrebenswerten Statussymbole. In liebevoll gestalteter Steinmetz-Arbeit wurde hier die Lebensgeschichte des Betroffenen und seiner Familie geschildert, das Giebelbild mit aufwendigem Dekor versehen. Da führte ein Paar über 30 Jahre eine „vergnügte und friedliche Ehe", bis der Ehemann verschied und sie den Rest ihres Lebens „in stillem, frommen Witwenstande" verbrachte...
Ein entschieden spannenderes Leben führte Harck Olufs, der „in sein jungen Jahren von den türkischen Seeräubern zu Algier gefangen genommen wurde" und in Gefangenschaft derart Karriere machte, dass man ihm „aus Gewogenheit seine Freyheit geschenket" hat – und Harck Olufs als wohlhabender Mann heimkehrte. Ehe, Kindersegen und Berufserfolge sind die Themen, die hier mehr oder weniger der Wahrheit entsprechend erzählt werden – beruhte doch der Erfolg mehrerer Amrumer Seefahrer auf wenig Löblichem wie Schnaps-, Waffen- und Sklavenhandel.

Texte im „vornehmen" Hochdeutsch

Wie wichtig der Grabstein für das Renommee des Einzelnen war, beweist, dass die Texte in deutscher Sprache verfasst sind – der „vornehmen" Kirchensprache, das örtliche Friesisch war die Sprache des Alltags, der Arbeit. Der bildliche Teil der Grabsteine zeigt oft christliche Motive wie Lamm mit der Kreuzfahne oder Kreuz, Herz und Anker für „Glaube, Liebe Hoffnung", aber auch einzelne Personen oder ganze Familien in zeitgenössischer Kleidung. Die hohe Kindersterblichkeit wurde ebenso thematisiert: Auf dem Grab der Mutter zeigten Rosen für Töchter und Tulpen für Söhne, teilweise mit herabhängenden Blüten, wie viele Kinder bereits vor ihr verstorben waren. Ganz große Bedeutung hatte der Beruf des Verstorbenen: Der Mühlenbauer bekam einen Erd-Holländer und eine ganze Armada von Schiffstypen – vom kleinen Küstensegler für den Regionalverkehr bis zu den großen Walfang- und Handelsschiffen – dokumentiert die Seefahrertradition der Inselbewohner. Einige Schiffe sind im Hafen festgezurrt und abgetakelt zum Zeichen des Endes der Lebensfahrt.

Zu Lebzeitenden den eigenen Stein gestaltet

Wurden im 16. und 17. Jahrhundert holländische Holzschnitzer, die auf dem Festland unterwegs waren, zum Grabsteindekor angeheuert, übernahmen später Amrumer Schiffszimmerleute die Aufgabe, inspiriert von Grabsteinen in England und Frankreich, bis schließlich professionelle Steinmetze herangezogen wurden, um die Ansprüche ihrer Kunden zu erfüllen. Und die stiegen erheblich: So mancher wohlhabende Amrumer ließ sich seinen Grabstein zu Lebzeiten fertigen, um seine Wünsche in Bild und Text realisiert zu sehen. Auch an der Qualität der Steine wurde nicht gespart: Die meisten Steine auf dem Friedhof in Nebel auf Amrum sind aus frostsicherem Oberkirchner Sandstein, der über Bremen als „Bremer Sandstein" in die ganze Welt und nach Amrum mit dem Regionalverkehr der Schmackschiffe verschifft wurde(ein zweimastiger Küstensegler mit flachem Boden und Gaffelrigg). Dieser aus dem weit entfernten Badischen importierte Stein war natürlich nicht immer in ausreichendem Maße verfügbar, so dass man sich gezwungen sah, abgelaufene Steine teilweise abzuschleifen oder ihre Rückseite ganz zwanglos für einen neuen Trauerfall zu nutzen.

Restaurierung mit Überraschungsfaktor

Diesen historischen Schatz, der so ungewöhnlich und lebendig vom Leben auf Amrum in der Vergangenheit zu erzählen weiß, für die Zukunft zu erhalten, war die Aufgabe, der sich 2009 eine insulare Projektgruppe stellte: Restaurierung und Neuaufstellung der Grabsteine auf dem Friedhof von Nebel. Beginn für eine Arbeit mit wahrhaft überraschendem Ergebnis: aus den 91 geplanten Objekten wuchs die Zahl nach Beratung mit Denkmalschützern, Historikern und Verantwortlichen aus dem Kirchenkreis auf stolze 152 – entschieden zu viele für den bis dato vorgesehenen Platz. Als perfekte Problemlösung „stiftete" die Gemeinde einen Streifen des angrenzenden Kurparks dem löblichen Unterfangen. Zur Restaurierung der Steine konnten Profis der Restaurationstechnik und der Steinmetzkunst gewonnen werden, die zwischen Amrumer Friedhof und Kölner Dom pendelten. Und natürlich war das größte Problem die Finanzierung dieser schönen Idee. Doch auch da tat sich Wunderbares: Ein großer Teil kam durch Spenden und Steinpatenschaften zusammen. So haben Amrums „erzählende" Steine ein würdiges Quartier gefunden, stets bereit, dies oder jenes Amrumer Geheimnis auszuplaudern.

amrum.de

Mehr über die Nordseeinseln finden Sie in der neuen Ausgabe von LAND & MEER. Sie bekommen das Magazin entweder am Kiosk für 8,90 Euro oder hier direkt versandkostenfrei im LAND & MEER Shop

 

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